Posts Tagged ‘Politik’

In vino veritas collis

Friday, January 9th, 2009

Ha’aretz meldet, dass sich Syrien bei der UN beschwert habe. Man könnte jetzt vermuten, dass man sich als gute arabische Diktatur beschweren muss, dass die einzige Demokratie der Region in einem dicht besiedelten Gebiet versucht, den Abschuss von Raketen auf das eigene Staatsgebiet zu verhinden. Oder konkreter, dass man sich beschwert, dass bei diesem Versuch nicht nur jene zu Schaden kommen, die die Raketen bauen und einsetzen.

Nein, es geht um Wein. Israels Diplomaten haben wohl als Gastgeschenk Wein mitgebracht, der aus den Golanhöhen stammt.

Man stelle sich für einen Moment vor, dass Deutschland von Tschechien verklagt wird, weil ein teutonischer Diplomat seinem Kollegen aus Dänemark Karlsbader Oblaten mitbringt. Klingt absurd? Ist es auch. Und war es übrigens auch jedes Mal, wenn die Bundesrepublik Deutschland Protest eingelegt hat, wenn irgendwo vor dem Grundlagenvertrag auf der Welt die Fahne der DDR gehisst wurde, etwa bei einer Sportveranstaltung. Die Blawgosphäre kann ja meinetwegen mit Verweis auf Völkergewohnheitsrecht versuchen zu erklären, dass Syrien gegen dieses Weinverschenken tatsächlich Protest einlegen muss, will man nicht den Anspruch auf die Golanhöhen verspielen.

Cheers.

“um keine Verwunderung zu erzeugen”

Friday, January 9th, 2009

In dem Blogeintrag “Öffentlich-Rechtliche Informationsselbstkastration in Hessen” schrieb ich über einen Hinweis auf den hr-Seiten zu “politischen Meinungsäußerungen”. Rince hat in den Kommentaren vorgeschlagen, den HR auf diesen Hinweis mal anzusprechen. Meine Email-Anfrage findet sich dort. Heute kam die Antwort. Wenn es dem hr wirklich darum ging, keine Verwunderung zu erzeugen: FAIL.

Sehr geehrter Herr Schindler,

vielen Dank für Ihre Mail. Der Hinweis zur Forennutzung wurde angebracht, um keine Verwunderung zu erzeugen, wenn ein Beitrag entfernt wurde. Bis zum 18. Januar sieht sich der Hessische Rundfunk im Wahlkampf in besonderem Maße zur Neutralität verpflichtet. Ab wann eine Formulierung der Vorgabe für die Foren widerspricht, ist im Zweifelsfall eine Einzelfall- und Kontextentscheidung. Äußerungen z.B. zu Anti-Dopingrichtlinien sind grundsätzlich auch jetzt möglich. Die Frage,
ob sich ein Präjudiz für Bundesversammlung, Europa- und Bundestagswahl ableiten lässt, stellt sich derzeit nicht.

Mit freundlichen Grüßen
S[...]  G[...]

HESSISCHER RUNDFUNK
S[...] G[...]/ [Titel]
Bertramstraße 8, 60320 Frankfurt/Main
[email-Adresse]
Fon +49 (0)69 155 [...]
Fax +49 (0)69 155 [...]

Öffentlich-Rechtliche Informationsselbstkastration in Hessen

Wednesday, January 7th, 2009

Um den Wahlkampf in Hessen noch besser journalistisch begleiten zu können, macht der Hessische Rundfunk die Augen zu. Genauer: Wer sich bis zum 18. Januar “politisch” (z.B. “Für den Weltfrieden!”) äußern will, soll bitte weggehen:

Hinweis zur Forennutzung
Der Hessische Rundfunk steht als öffentlich-rechtlicher Sender in der besonderen Verantwortung, in Wahlkämpfen absolute Neutralität zu wahren. Das gilt auch für vom hr betriebene Plattformen mit nutzergenerierten Inhalten. Wir bitten Sie daher um Verständnis für die Entscheidung, bis zur Landtagswahl am 18.1.2009 keine politischen Meinungsäußerungen in den Foren der hr-community zuzulassen.

Wohlgemerkt, es geht nicht um hessen-bezogene parteipolitische Meinungsäußerungen, sondern umfasst alles, was als “politisch” begriffen werden kann.

Zuerst zu der Bitte des ungenannten Autors dieser Zeilen: Nein, ich habe kein Verständnis. Und ja, ehrlich gesagt könntet ihr dann doch bitte hr-online.de ganz dichtmachen. Dauerhaft. Konstruktiver Gegenvorschlag: Ein kleiner Preis für denjenigen, der den subtilsten politischen Kommentar (merke: Blumen haben Farben, ebenso diverse hessische Fussballvereine) bis zum 18. Januar in dem Rest der hr-online-Präsenz platzieren kann.

Das gute Gefühl, alles getan zu haben

Monday, January 5th, 2009

Auf buchmarkt.de gibt es eine “Petition” des Arbeitskreis Vertriebsleiter im Landesverband Niedersachsen-Bremen des Börsenvereins, unterzeichnet durch die Vorsitzende Carola Müller. Ich versuche das mal zu übersetzen. Eingerückt ist der Petitionstext, dazwischen meine Übersetzung (kursiv).

Das Börsenvereinsprojekt libreka! ist seit mehreren Jahren in unterschiedlichen Entwicklungsstufen im Aufbau.

Seit dem Start von libreka! (ehemals Volltextsuche Online, VTO) hängt man systematisch mit allen Zeitplänen hinterher und musste immer mal wieder Dienstleister und Bedienstete auswechseln.

Mittlerweile wurden Konzept, Leistungsportfolio und Konditionen sinnvollerweise mehrfach angepasst.

Man hat solange versucht, mit dem schriftgewordenen Wahnsinn, genannt Konzept, voranzukommen, bis es gar nicht mehr ging. Danach kamen leichte Korrekturen und Symptombekämpfungen.

Mit der aktuellen Geschäftsführung wurde die Konsequenz im Vorantreiben des Projektes in der Branche sichtbar. Dies führte zu einer steigenden Akzeptanz und Mitwirkung derzeit vor allem der Mitglieder auf Seiten des Herstellenden Buchhandels.

Irgendwann hat man die Hoffnung aufgegeben, noch irgendwas umfassend korrigieren zu wollen. Wer übrig geblieben war, hat sich mit den Realitäten versucht zu arrangieren.

libreka! ist eine sinnvolle und gelungene Initiative zur Stärkung der Unabhängigkeit und Selbstbestimmung der Mitgliedsfirmen im sich rasant wandelnden und internationalisierenden Markt.

Uns ging es auf unserer Insel ganz gut, wir hätten gerne weiterhin dieses kuschelige Gefühl.

Konkurrenzanbieter im kommerziellen Umfeld bestimmen jedoch Geschwindigkeit und Anforderungen an das Branchenprojekt.

Libreka hängt den Angeboten von Google und Amazon nicht nur meilenweit hinterher, der Abstand wird auch noch größer.

libreka! als Tool für Volltextsuche im Internet
Zur Stärkung des VlB sowie zur Unterstützung der Mitgliedsfirmen innerhalb ihrer jeweiligen E-Marketing-Strategien ist die Volltextsuche unbedingt sinnvoll und wünschenswert.

..nur schade, dass bisher aus diesem Wunsch nichts wurde.

Die im Arbeitskreis Vertriebsleiter vertretenen Verlage befürworten ausdrücklich, dieses Teilprojekt mit absoluter Priorität produktiv zu machen

Die im Arbeitskreis Vertriebsleiter vertretenen Verlage befürworten ausdrücklich, dass die MVB endlich die Funktionen einführt, die sie seit Ewigkeiten verspricht, weil man nicht länger bereit ist, Geld für ein bestenfalls umsatzneutrales Projekt auszugeben.

Angesichts der Dynamisierung im Markt für elektronische Publikationen ist die Verfügbarmachung der digitalen Bestände in libreka! für die Verwertung via Internet logisch und folgerichtig.

Wir können diesen Buchhändlern nicht mehr länger zuhören, die keine Lust darauf haben, dass Umsätze an ihnen vorbeigeneriert werden.

Ein solches Angebot ermöglicht zudem in der Perspektive gerade kleineren Branchenteilnehmern die schnellwirksame Teilnahme am elektronischen Markt zu realistischen Konditionen.

Jede Forderung der Buchhändler, mehr Geld ohne eigene Leistung zu bekommen, lehnen wir ab.

Der Arbeitskreis Vertriebsleiter erachtet die E-Commerce-Modelle als gelungenen Interessenausgleich und fordert, ihn schnell umzusetzen.

Je länger wir jetzt noch diskutieren, desto eher könnten sich die Buchhändler mit ihrer Forderung durchsetzen, mehr Geld ohne eigene Leistung zu bekommen.

Außer einem plausiblen Konzeptpapier gibt es für die potenziellen Teilnehmer keinerlei konkrete Lösungsvorschläge oder Testumgebungen, die einen schnellstmöglichen Start ermöglichen würden.

Wir haben die zwei lieblosen Mockups auf der Buchmesse gesehen und fragen uns, warum bisher nichts daraus wurde.

Es steht zu befürchten, dass kommerzielle Onlineanbieter, wie bereits im Bereich der Volltextsuche geschehen, Standards vorgeben und Vertriebsmonopole aufbauen, bevor die Branchenlösung produktiv geht.

Es steht zu befürchten, dass genau das passiert, was schon immer passiert ist.

Die im Arbeitskreis Vertriebsleiter vertretenen Verlage weisen darauf hin, dass die Abwicklung von elektronischen Verkäufen spätestens im kommenden Jahr (2009) als praktikable technische Lösung zur Implementierung in die jeweiligen Vertriebsstrategien zur Verfügung stehen muss, wenn vorgebeugt werden soll, dass andere Dienstleister bzw. einschlägige Online-Monopolisten zum Nachteil der Verbandsmitglieder den Markt abdecken.

Die im Arbeitskreis Vertriebsleiter vertretenen Verlage weisen darauf hin, dass die MVB noch genau 12 Monate Zeit hat, etwas Handfestes auf den Tisch legen muss, bevor wir aus Selbstschutzgründen zu den einschlägigen Online-Monopolisten gehen.

Der Arbeitskreis der Vertriebsleiter fordern den Börsenverein deshalb nachdrücklich auf, darauf hinzuwirken, libreka! als Branchenprojekt mit größter Priorität auch gegenüber anderen Schwerpunkten der Verbandsarbeit und unter Zurverfügungstellung ausreichender professioneller Kapazitäten voranzutreiben und diese Branchenplattform als eigene Marke zu vertreten.

Wenn es die MVB nicht kann, dann soll man ihr halt libreka! aus der Hand nehmen und an jemanden weiterreichen, der es kann.

Hannover, im Dezember 2008, Carola Müller, (Fachgruppenvorsitzende)

Technikpädagogik

Tuesday, December 30th, 2008

Auf dem 25C3 stellen ein paar Forscher vor, wie sie sich bei einer CA ein Zertifikat haben ausstellen lassen und dann ein paar Schwachstellen beim Hashing-Verfahren (MD5) ausgenutzt haben. In den nächsten Tagen wird auf heise oder bei anderen Newsseiten etwas über diesen praktischen Angriff stehen. Hoffentlich deutlich besser erklärt werden als ich das jemals könnte.

Alexander Sotirov und Jacob Appelbaum weisen auf ein kleines Problem hin. MD5-Angriffe sind seit 2004 bekannt, sie werden mit einer respektablen Geschwindigkeit besser und erlauben inzwischen weitgehend freie Erzeugung von Kollisionen. Dies hat aber die CAs nicht davon abgehalten, MD5 weiterhin zu nutzen. Sie machen so lange weiter, bis ihnen die Decke über dem Kopf auseinanderfällt.

Wenn das schon bei Technikfirmen so schlimm ist, bleibt eigentlich keine Hoffnung mehr für Politiker, wenn es um Hinweise auf Bug in der von ihnen geschriebenen Software (Gesetze genant) geht. Schlussfolgerung: Nicht mehr in der Annahme auf die Fehler hinweisen, man könne dadurch den Prozess konstruktiv befördern oder das Schlimmste verhindern. Ab jetzt nur noch demonstrieren, was so alles schiefgehen kann.

Landtagswahl 2009 in Hessen: Der Predictor

Monday, December 15th, 2008

Am 18. Januar 2009 bekommen die wahlberechtigten Bürger Hessens die Belohnung für die Knobelaufgabe, die sie letztes Jahr den Landtagsabgeordneten aufgegeben haben.

Von allen fünf Parteien, die Aussichten auf Einzug in den 18. Hessischen Landtag haben, liegen nun die Landeslisten vor:

Die einzigen beiden Parteien mit Aussicht auf Direktmandate sind CDU und SPD. Dies macht die Vorhersage der künftigen MdLs etwas schwieriger als bei FDP/B90/DL, die sich komplett aus ihrer Landesliste speisen.

Frage: Gibt es schon irgendwo einen Simulator, der basierend auf den möglichen und realistischen Ergebnissen der Wahlkreise eine Berechnung durchführt, welche Landeslistenmitglieder von CDU und SPD Aussicht auf ein Mandat haben? 2008 waren dies 15 SPD-Genossen und 14 CDU-Parteifreunde.

Und ja, ich bin verwöhnt durch amerikanische Verhältnisse.