Archive for September, 2006

Lebenszeichen von der Erde: Encyclopedia of Earth nun online

Thursday, September 28th, 2006

Ohne größeres Aufsehen sind die ersten Artikel der “Encyclopedia of Earth” online gegangen. Herausgeberin ist die “Digital Universe Foundation” (DUF), die mit einer Mischung aus Internetproviderdienst und gemeinnütziger Stiftung ein Netzwerk an frei zugänglichen Informationen schaffen möchte.

Nach eigenen Angaben umfasst das Nachschlagewerk derzeit etwas über 350 Artikel, die allesamt mehr oder weniger dem Themengebiet “Erde” zuzuordnen sind. Dazu zählen nach der Konzeption der Autoren Artikel über Maßeinheiten (Ampere, Meter, Candela), geographische Orte (Baku, Arco, Suez Canal) und einzelne Gesetze (United States Uranium Mill Tailings Radiation Control Act of 1978). Dabei fällt auf, das bislang keine Gewichtung von Begriffen nach Relevanz erfolgt und kein Vollständigkeitsanspruch versucht wird einzulösen. Bezeichnenderweise klafft zum eigentlichen Thema des Lexikons, der Erde, noch eine Lücke.

Jedem Artikel ist ein Bereichsredakteur und ein Autor zugeordnet. In einigen Fällen wurden entnahmen die Macher Artikel fast vollständig von externen Seiten, deren Texte als frei von Urheberrechten gelten können, weil sie durch Regierungsangestellte verfasst wurden.

Die Artikel der Encyclopedia of Earth stehen unter der Creative Commons-Lizenz (BY-SA), sind also kommerziell nutzbar und frei veränderbar. Eine Nennung der Autoren ist erforderlich. Obwohl im Geiste ähnlich, ist die GNU Lizenz für Freie Dokumentationen (GFDL) nicht kompatibel mit dieser Lizenz. Wikipedia ist derzeit unter der GFDL lizenziert. Zudem verwendet die EoE derzeit Bilder, die nicht unter freien Lizenzen stehen.

Der Start der Encyclopedia of Earth war mehrfach verschoben worden, zuletzt hatte es gar keinen Erscheinungstermin mehr gegeben. In den begleitenden Dokumenten der Digital Universe Foundation wird auf einen Start im Oktober verwiesen. Es ist möglich, daß die Größe des Lexikons bis dahin noch zunehmen wird. Larry Sanger, der einst als bezahlter Redakteur den Start der Wikipedia erlebte und nun Angestellter der DUF ist, gab zuletzt in Berlin auf der Wizards of OS-Konferenz an, es seien bereits 1000 Artikel geschrieben.

Neue Autoren dürfen, vorbehaltlich ihrer fachlichen Eignung an der Verbesserung der EoE mitwirken. Im diesbezüglichen Aufruf bitten die Verantwortlichen darum, sich mit dem Nachweis der erbrachten Leistungen und weiterer Dokumente zu bewerben.

Die Encyclopedia of Earth markiert das erste Lebenszeichen eines Projektes, dessen Größe nach DUF-Plänen alles bisher dagewesene in den Schatten stellen soll. Mittels eines zentralen Themenbaumes sollen Benutzer von Themenportal zu Themenportal geführt werden, wo ihnen eine Mischung aus Nachrichtenseiten und Hintergrundinformationen angeboten werden. Bislang ist die Form dieser Portale nur erahnbar. Seit Sommer befindet sich das “EarthPortal“, bei dem auch die EoE angesiedelt ist, in einem “Beta 1.0″-Status, ist aber bislang noch weitgehend ohne eigene Inhalte. Propagierte Firmengründer Joseph Firmage noch 2003 einen eigenen Browser, der auf der Codebasis des Mozilla-Browsers abstammte, ist das Surfen im Digital Universe auch mit handelsüblichen Browsern möglich. Eine Download-Option für den “Manyone-Browser” wurde im Sommer eingestellt. Die Portale nutzen vielfach via Frames eingebundene Inhalte von Dritten. Diese Praxis verstößt zumindest in Deutschland gegen urheberrechtliche Bestimmungen, sofern die Erlaubnis der Urheber fehlt.

Liebe Abgeordnete aus dem Kulturausschuss

Monday, September 11th, 2006

Sehr geehrter Herr Tauss, (+ Jochimsen, Göring-Eckardt, Otto, Grütters)

ich wende mich an Sie, da Sie zu den Autorinnen und Autoren des Berichts im Kulturausschuss zu dem Gesetz über die Deutsche Nationalbibliothek (DNBG) gehören. Ich möchte Sie auf ein mögliches Problem bei der Anwendung des §15 hinweisen:

“§ 15 Ablieferungspflichtige
Ablieferungspflichtig ist, wer berechtigt ist, das Medienwerk zu verbreiten oder öffentlich zugänglich zu machen und den Sitz, eine Betriebsstätte oder den Hauptwohnsitz in Deutschland hat.”

Seit einigen Jahren existieren eine Vielzahl von Projekten, die die Idee von Open-Source-Software (z.B. das Betriebssystem Linux) auf Medienwerke anwenden. Dazu gehört auch das Enzyklopädieprojekt Wikipedia. Die Texte stehen unter einer Lizenz, die jeder Person die öffentliche Verbreitung, das Kopieren und Verändern der Inhalte auch zu kommerziellen Zwecken ausdrücklich erlauben, sofern einige Bedingungen (Nennung der Urheber, Zugang zu den Texten in einem maschinenlesbaren Format) erfüllt sind. Die Wikipedia in deutscher Sprache enthält derzeit knapp 450.000 Artikel mit ungefähr 180 Millionen Wörtern (zum Größenvergleich: Die aktuelle 30-bändige Brockhaus Enzyklopädie kommt auf 33 Millionen Wörter). Die Bestimmungen der Lizenz, unter der Wikipedia und viele andere Werke stehen, finden Sie unter http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html im Original, unter http://www.giese-online.de/gnufdl-de.html in einer Übersetzung und http://de.wikipedia.org/wiki/GFDL mit einer kurzen Erläuterung.

Darüber hinaus gibt es in Deutschland eine wachsende Zahl von Verlagen, die klassische gedruckte Bücher vertreiben, die ebenfalls unter freien Lizenzen stehen (den Käufern der Bücher also das Kopieren, Verbreiten und auch das Modifizieren erlauben).

Wikipedia findet sich im Volltext unter http://www.wikipedia.org (deutsch: http://de.wikipedia.org). Darüber hinaus geben einige Verlage Distributionen der deutschsprachigen Wikipedia heraus, die im Buchhandel erworben und im Internet heruntergeladen werden können.

Dem Wortlaut von § 15 (und der Definition von §3 DNBG) folgend ist somit jeder Deutsche ablieferungspflichtig, da er dank der Lizenz der Wikipedia berechtigt ist, das Medienwerk zu verbreiten oder öffentlich zugänglich zu machen.

Habe ich etwas in der gesetzlichen Bestimmung übersehen, das diesem Wortlaut entgegenläuft?

Mit freundlichen Grüßen,
Mathias Schindler