Archive for August, 2006

Der Lexikonherbst 2006 – Kontinuität als Leitmotiv

Wednesday, August 30th, 2006

Auch dieses Jahr werben eine Reihe von Verlagen um die Gunst der Kunden, Geld in den Kauf eines neuen Lexikons zu stecken. Zu diesem Ritual gehören auch Neuauflagen der gängisten elektonischen Nachschlagewerke. Eine Übersicht über die Ankündigungen.

Der deutsch(sprachig)e Markt der Lexika wird 2006 von drei Firmen bedient. Das Bibliographische Institut & F.A. Brockhaus, das mit den Marken Brockhaus, Meyers und Duden vertreten ist, bringt in diesen Wochen die letzte Lieferung der 30bändigen Enzyklopädie in die Läden. Die elektronische Entsprechung, deren Text auf einem USB-Stick und deren Bildmaterial auf DVDs gespeichert ist, erschien im Spätherbst 2005. Da nicht von der Buchpreisbindung betroffen, wird bei einigen Firmen der empfohlene Verkaufspreis von 1.499.- € deutlich unterschritten. Der Käufer einer der beiden Versionen hat außerdem die Möglichkeit, online unter brockhaus-enzyklopaedie.de Suchanfragen zu stellen. Eine Aktualisierung der Texte soll bis 2010 erfolgen. Die Enzyklopädie umfasst nach Brockhaus-Zählung 300.000 Stichwörter mit über 30 Millionen Wörtern Text.

In niedrigeren Preisregionen bewegt sich der Brockhaus multimedial, erhältlich in einer Standardausgabe für Windows (ISBN-13: 978-3-411-06550-9, 39,95 €) und einer Premiumversion für Windows, MacOS X und Linux (ISBN-13: 978-3-411-06548-6, 99,95 €). Besitzer vorangegangener Versionen können auf preislich reduzierte update-Versionen zurückgreifen. Der Brockhaus multimedial bietet neben Lexikon und Atlas eine Reihe von Gimmicks aus dem Edutainment-Arsenal. Neu ist in diesem Jahr ein elektronisches Planetarium. Nach einer Meldung von PC-Welt könnte sich das Erscheinen des Brockhaus Multimedial in diesem Jahr verzögern. Ein Sicherheitsupdate von Windows XP verhindert derzeit den Start der Brockhaus-Produkte, davon betroffen scheint auch die kommende Version zu sein.

Im Herbst erscheint nach einigen Jahren Funkstille das Meyers Taschenlexikon, dem eine DVD mit dem Volltext beigelegt ist (ISBN-13: 978-3-411-10060-6 optisch dezent; ISBN-13: 978-3-411-10640-0 mit Buchrückengestaltung von Udo Lindenberg, beide 149,95 €). Anfang dieser Woche hatte der Verlag den Volltext des Taschenlexikons in der aktuellen Fassung mit 150.000 Stichwörtern zum kostenlosen Abruf online gestellt. Ebenfalls mit Silberling im Buchrücken erhältlich ist der Dreibänder (ISBN-13: 978-3-7653-1504-6, 89,00 €) unter Brockhaus-Label..

Als 1996 der Softwareriese Microsoft mit einem eigenen Nachschlagewerk in den Ring stieg, entbrannte für einige Zeit eine heftige Schlacht um neue Features, größere Textmengen und letztlich um Marktanteile zwischen dem branchenfremden Newcomer und den Platzhirschen. Nach 10 Jahren ist von dem Tempo nur noch wenig zu spüren. Auch die Firma aus Redmond kümmert sich primär nur noch um Produktpflege und leichte kosmetische Korrekturen. Eine der größten Innovationen war 2005 die Umbenennung der Produkte mit unterschiedlichen Ausstattungsmerkmalen.

Zum 1. September wird der Käufer die Wahl zwischen Encarta 2007 Enzyklopädie, Encarta 2007 Standard und Encarta 2007 Lernen und Wissen haben. Der lexikalische Teil ist – bis auf die nötige Fortschreibung der Daten – identisch zum Vorjahr. Bei Wissen und Lernen liegen den obligatorischen multimedialen Daten noch Dateivorlagen und kleinere Hilfsprogramme bei, die Schülern der Klassen 6-12 bei Arbeiten helfen sollen. Genau wie der digitale Wälzer aus Mannheim bietet die Encarta ein kleines Lexikon für Jüngere mit kindgerecht verpackten Inhalten an.

Bertelsmann lizenziert in diesem Jahr seine Texte an United Soft Media zum Vertrieb. Das Bertelsmann Universallexikon 2007 (Windows, ISBN: 3-8032-2853-0 für 14,90€) wendet sich nach Eigenaussage des Herstellers an Schüler. 70.000 Stichwörter sollen dabei zumindest quantitativ den Anschluß an die anderen Anbieter schaffen.

Für den 1. Oktober 2006 hat der Berliner Verlag Directmedia Publishing die Ausgabe 2006/2007 der Sonderausgabe der Digitalen Bibliothek mit den Inhalten der deutschsprachigen Wikipedia versprochen. Der empfohlene Verkaufspreis der DVD (ISBN: 3-89853-021-3) beträgt 9,90 Euro, der Download über P2P-Tauschbörsen wird erlaubt.

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Auf dem Weg zum Wiki: Bibliographisches Institut stellt Lexikon online

Tuesday, August 29th, 2006

Wenige Wochen nach dem allgemeinen Neustart der Website meyers.de, mit der das Bibliographische Institut & F.A. Brockhaus (BIFAB) die Marke “Meyers Lexikonverlag” präsentiert, geht nun ein Lexikon online, das technisch auf der Mediawiki-Software aufbaut, die zum Betrieb der Online-Enzyklopädie Wikipedia entwickelt und eingesetzt wird. Elementare Wiki-Funktionen sind dabei jedoch ausgeschaltet, die Hinweise auf Mediawiki ergeben sich nur indirekt aus noch nicht gesperrten Funktionen.”Meyers Lexikon Online” basiert nach Verlagsangaben auf der gedruckten Taschenbuchausgabe in 26 Bänden, die in diesem Jahr in zehnter Auflage neu erscheinen wird. BIFAB verspricht die Möglichkeit, in 150.000 Stichwörtern nachschlagen zu können. Nach der Laufnummernvergabe in Mediawiki befinden sich jedoch weniger als 90.000 einzelne Seiten in dem Wiki, inclusive Layout-Elementen, und mehreren Fehlerkorrekturen, Querverweisen und Platzhaltereinträgen.

Leser können sich, wie in Mediawiki vorgesehen, wahlweise einen Benutzeraccount zulegen, wenn sie den Nutzungsbestimmungen des Verlages zustimmen. Dort wird das Bearbeiten von Artikeln explizit untersagt. Ausgenommen sind Diskussionsbeiträge und Feedback an die Redaktion. Ein per Hand eingegebener Edit-Link zur Fehlerkorrektur in Artikeln führt zu einer gesperrten Seite. Auf den Diskussionsseiten lassen sich nur neue Einträge einstellen, jedoch keine Antworten auf bestehende Fragen verfassen.

Wer auf Lücken in dem Lexikon stößt, kann der Redaktion einen Vorschlag für einen neuen Artikel zusenden, dieser kann neben dem Stichwort selbst auch einen Formulierungsforschlag für den Artikel als solchen enthalten. Der Verlag lässt sich in den Nutzungsbestimmungen umfassende Rechte zur Verwendung von Diskussionsbeiträgen zusichern, eine Vergütung findet nicht statt. Ob darunter auch lexikalische Artikel fallen, bleibt offen.

3. Mit dem Einstellen von Diskussionsbeiträgen erhält BIFAB das nicht exklusive, zeitlich und räumlich unbeschränkte Recht zur Verbreitung der eingestellten Inhalte.

Weder für angemeldete noch für nichtangemeldete Benutzer auf einfachem Weg einsehbar ist die Versionsgeschichte eines Artikels, beispielsweise eine erfolge Fehlerkorrektur in Lebensdaten der kubanischen Führung. Diese Informationen sind durch das händische Ändern der URL mit Mediawiki-Kenntnissen einholbar. Der Verlag hat hier eine Sperre eingebaut, die zu häufiges Abfragen von Daten von einer IP aus unterbinden soll.
Mediawiki steht wie Linux unter der GPL, einer Lizenz, die die freie Verwendung und Modifizierung der Software auch für kommerzielle Zwecke erlaubt. Irreführend ist daher auch die Nutzungsbestimmung, die hier auch mit einem direkten Verweis auf Software solche Freiheiten verneint:

1. Bestimmte Materialien (einschließlich Software) im Zusammenhang mit den Webseiten, die online oder offline eingesetzt werden, sind für BIFAB und/oder Dritte durch gewerbliche Schutzrechte, Urheberrecht oder sonstige Rechte geschützt. Der Kunde erwirbt daran keine über die oben eingeräumte Nutzungsberechtigung hinausgehenden Rechte.

BIFAB ist nicht der erste Anbieter von unfrei lizenzierten lexikalischen Inhalten, der Anleihen am Wiki-Konzept und Wikipedia nimmt. Im April 2005 führte der Software-Riese Microsoft auf der englischsprachigen Version des Online-Nachschlagewerkes Encarta ein “edit this page”-Werkzeug ein, in dem Benutzer Textvorschläge an eine Redaktion schicken konnten. In den Medien wurde dies allgemein als “wikieske Funktion” betitelt.

Unter dem Projektnamen “aLEXander” arbeitet der Verlag mit österreichischen Partnern an einem Communityprojekt, das Tagesnachrichten und lexikalische Inhalte des “Brockhaus Multimedial” zusammenbringen soll. Ein Termin für den Start von aLexander steht noch nicht fest, nach einem Readers-Edition-Artikel wurde der Prototyp aus dem Netz genommen. Die Domain www.ask-lex.com ist derzeit noch nicht aktiv.

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